Charlott Szukala
1977 geboren, Essen
1998–2001 Ausbildung zur Holzbildhauerin, im Odenwald
Die Künstlerin lebt und arbeitet in Petersberg/Drobitz (bei Halle).
Weibsbilder
Charlott Szukala hat sich ganz der Bildhauerei verschrieben. Bemerkenswerterweise hat sie sich nach ausgiebigen Orientierungen im Kunstgeschehen und den dazugehörigen Institutionen wie Fachhochschulen und Kunstakademien für eine klassische Holzbildhauerlehre entschieden.
Ganz unklassisch fertigt Charlott Szukala allerdings ihre Holzskulpturen an, nämlich mit der Kettensäge, die sie so sensibel beherrscht, dass sie kaum noch nacharbeiten muss, um ihren Figuren den richtigen Schliff zu geben.
Das liegt daran, dass sie sich völlig in ihr Material versenkt, es erkundet, die Strukturen erfühlt und aufmerksam auf die Eigenschaften und den Charakter des Holzstückes eingeht, das sie bearbeitet. Die Figuren wachsen regelrecht aus dem Holz heraus, sind noch mit ihm verbunden in einer innigen Symbiose, so als ob sich die Figur aus dem Holz nahezu von selbst entwickelt hätte. Die organische Einheit von Kunst und Natur zeigt sich als besonders bemerkenswert bei Charlott Szukalas Holzarbeiten. Offensichtlich ist ebenfalls ihre Achtung, die sie vor dem Werkstoff empfindet.
Im Zentrum ihres Interesses steht der Mensch, der Mensch in seiner natürlichsten Ausdrucksform, der Bewegung. Meist sind es Frauendarstellungen, die Charlott Szukala mit ihrer Kettensäge ins Leben ruft. Es sind kraftvolle Frauen, die fruchtbar sind, selber Leben und Freude schenken, mit einer Vitalität, die einfach ansteckend ist und gute Laune macht.
Charlott Szukala arbeitet in der Tradition der expressiven Formensprache. Sie verzerrt dabei oftmals die Proportionen, längt die Gliedmaßen, lässt Köpfe schrumpfen, akzentuiert den Rumpf. Sie konzentriert sich ganz auf den Ausdruck der Figuren. Bei aller Bewegung und Vitalität fällt jedoch auf, dass die Frauen in sich ruhen. Sie sind nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen und wirken stets zentriert. Sie strahlen eine Sicherheit aus, die im Leben selbst begründet zu sein scheint, in der Natur, die alles Leben spendet und den Kreislauf des Werdens und Vergehens in sich trägt. Diese Ursprünglichkeit tragen die Figuren von Charlott Szukala deutlich sichtbar in sich.
Diese Eigenart fällt auch bei den kleinen Tonfiguren auf, die sich tanzend, drehend, springend, wirbelnd stets in prekären Situationen befinden, in die der Sockel sie bringt. Doch keine fällt hinten über, wirkt labil oder gefährdet. Ganz sicher setzen sie ihre Schritte und Tänze in luftiger Höhe fort, so als ob sie auf Wolken tanzen würden und dabei völlig geerdet sind.
Die Wirkung dieser kleinen Figurinen reicht deutlich über ihre Dimensionen hinaus, sie ziehen den umgebenden Raum in ihre Aktionen mit ein und laden ihn energetisch auf. Ebenso wie die größeren Holzweiber, die den Raum für sich erobern.
Die Freude, mit der Charlott Szukala bei der Arbeit ist, überträgt sich spürbar und direkt auf ihre Figuren. Die Gegenwärtigkeit dieser Weiber ist einfach phänomenal. Vielleicht liegt das auch an der Unmittelbarkeit der Werkstoffe Ton und Holz, die Charlott Szukala für sich entdeckt hat.
Dazu ist anzumerken, dass seit der Nachkriegskunst die Keramik wie auch die Holzbildhauerei nahezu in Vergessenheit geraten ist, vielleicht auch durch die neuen künstlichen Werkstoffe, die mehr und mehr entwickelt wurden. Mit Stephan Balkenhol und dem neuen Expressionismus in der Kunst der 80er Jahre erfuhr die Holzbildnerei zwar wieder ein Aufflackern, ohne jedoch weiteres Interesse unter den Künstlern zu wecken. Die neuen Medien waren auf dem Vormarsch und verdrängen bis heute spannende und ausdrucksstarke traditionelle Gattungen der Kunst. Wie beispielsweise auch den Holzschnitt oder den Steindruck. Umso schöner, dass eine junge Frau wie Charlott Szukala sich dieser Kunstform widmet und sie mit ihren wundervollen Weibsbildern wiederbelebt.
Dr. Stefanie Lucci, Juni 2010